„Genauigkeit und Seele“ Ein Aufruf zur kontemplativen Suche nach dem Verstaubten und schwer Fassbaren

Misia Sophia Doms (Baden bei Wien)

Für Wolfgang Jacob (†) zum 100. Geburtstag und für Erwin Rauscher

Da unternahm Ulrich einen unsinnigen Versuch. „Erlaucht“, sagte er, „es gibt nur eine einzige Aufgabe für die Parallelaktion: den Anfang einer geistigen Generalinventur zu bilden! Wir müssen ungefähr das tun, was notwendig wäre, wenn ins Jahr 1918 der Jüngste Tag fiele, der alte Geist abgeschlossen werden und ein höherer beginnen sollte. Gründen Sie im Namen seiner Majestät ein Erdensekretariat der Genauigkeit und Seele; alle anderen Aufgaben sind von vornherein unlösbar oder nur Scheinaufgaben!“

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes und zweites Buch hrsg. von Adolf Frisé. Reinbek bei Hamburg 142000, Kap. 116, S. 596–597.

Wenn Robert Musil in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaftendas vielzitierte Begriffspaar „Genauigkeit und Seele“ verwendet, geschieht dies nicht ohne eine gewisse ironische Distanz: Der Ausdruck „Seele“ konnotiert in Musils Werk zweifellos auch die kurz vor dem Ende des Habsburgerreiches noch immer florierenden, mehr oder weniger esoterischen und oftmals obskurantistischen Heilslehren des Fin de Siècle. Dessen ungeachtet beschreibt er aber auch eine Größe, die Ulrich tatsächlich mit aller Leidenschaft und Ernsthaftigkeit erforschen möchte, ein Etwas, das in Denken, Handeln und Kultur in Umrissen aufleuchtet, sich aber auch wieder ins Unbegreifliche entzieht. Genauso wird mit „Genauigkeit“ hier sicherlich augenzwinkernd auf die bürokratische Behäbigkeit angespielt, wie sie letztlich die kakanische Parallelaktion bestimmt. „Genauigkeit“ bezeichnet aber gleichzeitig und vor allem auch den um kontemplative Präzision, ja um kontemplative Exaktheit bemühten Blick der Wissenschaft.

Ulrichs Vorstoß in Richtung einer kontemplativ-exakten Seelen- und Geisteserforschung wird vom Erzähler des Romans lakonisch als ein unsinniges Unterfangen gewertet. Und dies erscheint durchaus plausibel: Der Plan, eine ‚geistige Generalinventur‘ durchzuführen, den der Ingenieur Ulrich hier mit leidenschaftlicher Entschiedenheit vertritt, muss schon deshalb als uneinlösbar betrachtet werden, weil es ein vollständiges Verzeichnen des Geistigen, auch des Geistigen einer vergangenen Epoche, nicht geben kann. Vor allem aber muss er insofern unsinnig erscheinen, als hier das eingefangen werden soll, was sich bisher jedem Zugriff der exakt arbeitenden Wissenschaft entzogen hat, nämlich die Seele. Weithin bekannt ist die lakonische Bemerkung des Pathologen Rudolf Virchow, der in seiner Sammlung an der Charité ein großes Inventar physischer Anomalien angelegt hat, dass er „Tausende von Leichen seziert, aber nicht eine Seele gefunden“ habe. Zu diesem Diktum liegt es mir zuallererst auf der Zunge anzumerken, dass in einer Leiche das Lebensprinzip „Seele“ schon nach der Eigenlogik traditioneller Seelenlehren gar nicht enthalten sein kann. Trotz dieses (gewollten?) Denkfehlers bringt Virchows Satz gelungen auf den Punkt, worin ein Kernproblem bei der Gründung eines Erdensekretariats für „Genauigkeit und Seele“ liegt: Wie vieles andere, das die Seele als pars pro totomitaufruft, erscheint sie nach den Maßstäben einer modernen empirischen Wissenschaft unbeholfen, überholt, nutzlos – und damit im Grunde unnötig. Wo die exakte Wissenschaft herrscht, findet ein systematisches Großreinemachen statt, in dem alles verstaubte Rare, das nicht in Bares verwandelt werden kann, auf den Restmüll wandert. Mit welchem Grund wollte man es erforschen?

Lassen Sie mich an dieser Stelle vorübergehend persönlich werden. Das paradoxe Begriffspaar „Genauigkeit und Seele“ hat mich ganz am Beginn meines geisteswissenschaftlichen Studiums, nämlich 2002 in seinen Bann gezogen und ich hatte das Glück, es im Rahmen eines Referats über den Mann ohne Eigenschaftennäher entfalten zu dürfen. Die paradoxen Überlegungen Musils zu Genauigkeit und Seele reizten mich sogar so sehr, dass ich eine Zeitlang erwog, mich damit in meiner Dissertation zu befassen. Tatsächlich habe ich mich, Jahre später, zwar nicht genau für dieses Thema entschieden, bin aber dem Begriffspaar „Genauigkeit und Seele“ doch auf andere Weise treu geblieben. Auf dem Höhepunkt der kultur- und literaturwissenschaftlichen Körperstudien habe ich, ganz antizyklisch, meine Doktorarbeit den Seelenmetaphern in der Barocklyrik und ihren anthropologischen Implikationen gewidmet, und mich damit, durchaus mit größtmöglicher Genauigkeit, an einen zweifelhaften, schwer zu fassenden und reichlich verstaubten Gegenstand gewagt.

Dies war allerdings mitnichten mein erster Schritt in Richtung einer kontemplativen und dabei zugleich möglichst exakten Auseinandersetzung mit dem Überholten, sondern ich habe weite Teile meines Studiums mit solchen Betrachtungen verbracht. Von den Teildisziplinen, mit denen ich mich während dieser Zeit intensiv auseinanderzusetzen versuchte, sind immerhin drei an deutschen Universitäten mittlerweile im Niedergang begriffen – ich meine die Medizingeschichte, die in den neuen vorklinischen Instituten für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin vielfach ganz hinter der unbestritten ebenfalls betrachtungswürdigen Medizinethik zurücktritt, die Geschichte der mittelalterlichen Philosophie, die vom sukzessiven Bedeutungsverlust historischer Perspektiven im Fach Philosophie bedroht ist, und die neugermanistische Frühneuzeitforschung. Alle drei Disziplinen mögen, so meine Vermutung, gerade deshalb im universitären Fächerkanon an Bedeutung verloren haben, weil sie sich mit schwer zugänglichen und im Fortschritt der Wissenschaften längst überholten Wissensfeldern befassen. Man denke hier nur an den mittelalterlichen Nominalismusstreit oder die scholastischen Erörterungen zum Substanz-Akzidenz-Verhältnis sowie an Humoralpathologie und Sympathienlehre, die allenfalls noch in alternativen Heilmethoden wie der Homoöpathie wieder aufflackern. Vom Standpunkt des Unternehmens, mit einer geistigen Generalinventur zu beginnen, sind sie meines Erachtens gleichwohl unverzichtbar. Das bedeutet freilich nicht, dass ich an dieser Stelle dazu übergehen möchte, speziell für die Unverzichtbarkeit der Religionsdialoge von Rámon Lull in einem philosophischen, der Schriften eines Galen oder eines seelenungläubigen Rudolf Virchow in einem medizinischen oder des Narrenschiffs und des Cherubinischen Wandersmannsin einem germanistischen Kanon der Lehr- und Forschungsgegenstände zu argumentieren. Dies wäre aus meiner Sicht eine ganz unsachgemäße Verengung der Radikalität von Ulrichs ehrgeiziger Forderung, die ich hier versuchsweise programmatisch lesen möchte. Sollten die Wissenschaften, jedenfalls die Geisteswissenschaften sich von Ulrichs Aufruf inspirieren lassen – wohl wissend, dass sich die eschatologische Ankunft des höheren Geistes, die Ulrich für das Jahr 1918 erwartet, um unbestimmte Zeit verzögern wird –, dann kann es gerade nichtdarum gehen, dass jeder versucht, dem anderen die eigenen fachlichen Vorlieben auf die Agenda zu setzen und die Fächer (also etwa Medizinethik und Medizingeschichte, germanistische Frühneuzeitforschung und Literaturtheorie, Geschichte der mittelalterlichen Philosophie und eine gegenwartsbezogene philosophy of mind) gegeneinander auszuspielen. Vielmehr wäre es für diesen Fall entscheidend, sich neben der Tiefe (Genauigkeit), auch die zeitliche und räumliche Breite eines solchen Projekts, wie sie in der Rede von der Generalinventur bzw. einem Erdensekretariat zum Ausdruck kommt, zum Maßstab zu nehmen. Und diese Breite erfordert ForscherInnen, die jeweils ihre eigenen wissenschaftlichen Einzelinteressen zu ihren Themen machen.

In den nachfolgenden Ausführungen möchte ich mich aber vor allem der Tiefendimension von Ulrichs Vorhaben Beachtung schenken. In die bisherigen Erläuterungen zu seinem oben zitierten Ansuchen habe ich stillschweigend einen Begriff hineingeschmuggelt, der in der zitierten Textpassage gar nicht vorkommt: den Begriff des Kontemplativen oder der Kontemplation. Seine nähere Betrachtung soll mir nun in insgesamt fünf Thesen dazu dienen, mein Plädoyer für eine genaue und leidenschaftliche Erforschung des Verstaubten, für eine Wissenschaft unter dem Schlagwort von Genauigkeit und Seele, näherhin zu entfalten.

  1. Kontemplation – denken wir hier bitte an die kontemplative Schlüsselsituation der lectio divina, der Lesung in der(interreligiös gesprochen, gerne auch in einer) Heiligen Schrift – ist zunächst etwas Persönliches und Individuelles und bezeichnet gleichzeitig einen dezidiert rezeptiven Vorgang. Ich bemühe mich, den Sinn der Worte der Schrift für michzu erschließen, indem sie bedenke. So sollte auch in der Geisteswissenschaft zu allererst Raum für ein persönliches, individuelles Sinnieren sein. Teambuilding, Vernetzung, das Entwickeln überindividueller, d.h. anschlussfähiger Thesen sollten nicht schon am Anfang der geisteswissenschaftlichen Arbeit stehen müssen. Es soll kein generalisierendes Sprechen ohne vorangehendes individuelles Hören, keine Verschriftlichung für ein breiteres Publikum ohne vorangehendes – einsames – Lesen und Studieren stattfinden. Diese Reihenfolge wird schon von Thomas von Aquin betont, wenn er fordert: Contemplari et contemplata aliis tradere.
  2. In der kontemplativen Lesung meditiere ich in Ruhe über das Gelesene. Ich schaue es mir genau an, rücke es ins Zentrum einer sorgfältigen geistigen Betrachtung. Betreibt man Geisteswissenschaft kontemplativ, dann darf sie nicht sofort in Zeitfenster, monats- oder wochengenaue Zeitpläne, in den Horizont von Befristungsregelungen oder des Wissenschaftsvertragszeitgesetzes gepresst werden. Schon dass Ulrich für sein Vorhaben einen Fünf-Jahresplan entwirft und – aus der Perspektive des Jahres 1913 sprechend – dessen Ende ausgerechnet auf das Jahr 1918 verlegt, sollte uns gegenüber jedem Vorhaben, die geistige Generalinventur und das Unternehmen „Genauigkeit und Seele“ zeitlich zu befristen, skeptisch machen. Im Jahr 1918 nämlich geht Kakanien, in dem das Projekt nach Ulrichs Willen initiiert werden soll, zugrunde, es kommt zu einem (weiteren) schrecklichen Hungerwinter und die Spanische Grippe wird epidemisch. All das war Musil, als er diese Zeilen schrieb, bereits bewusst. Was wir heute wissen: Auch die Sowjetunion und die DDR waren mit ihren Fünf-Jahresplänen wenig erfolgreich. Dies könnte uns allen, die wir die Rahmenbedingungen geisteswissenschaftlicher Forschung mitverantworten und mittragen, zu denken geben.
  3. Sodann beinhaltet Kontemplation eine innige Neigung zum Betrachteten und auch den Willen, mit dem Betrachteten in eine leidenschaftlich enge Beziehung, in einen ausdauernden Dialog zu treten. Ich betrachte etwas – in der lectio divinadie oder eine Heilige Schrift –, weil ich mich davon angesprochen fühle. Ich weiß, dass der Text nicht für mich geschrieben wurde, aber ich aktualisiere ihn für mich, ja mehr noch: ich fühle mich vom Text zu seiner Kontemplation „berufen“. Im universitären Sprachgebrauch wird nur ein Professor oder eine Professorin berufen, kein wissenschaftlicher Mitarbeiter, keine Doktorandin, kein Student, keine Schülerin darf von sich sagen, zur Betrachtung geisteswissenschaftlicher Fragen berufen worden zu sein. Denken wir bitte einmal darüber nach, ob dies nicht ein allzu exklusiver Sprachgebrauch ist! 
  4. Ich weiß im Moment der Berufung zur kontemplativen Lektüre, dass ich mit dem sich hinter dem Text verbergenden Numinosen niemals fertig werden kann, entschließe mich aber trotz allem dazu, mit dieser unabschließbaren Aufgabe der lectio divinain aller Leidenschaft zu beginnen und daran festzuhalten. In der akademischen Realität werden permanent Abschlussversprechen gegeben und Abschlüsse erwartet: vom Studienabschluss bis zum Abschlussbericht bei Drittmittelprojekten. Warum trauen wir uns nicht zu sagen – und auch öffentlich darauf zu beharren, dass manche Aufgaben unabschließbar und dennoch nicht unsinnig sind?
  5. Die Kontemplation betrachtet das nicht unmittelbar Verwertbare und Unzeitgemäße. Eine Heilige Schrift lässt sich vielleicht je für mich aktualisieren, sie ist aber niemals tagesaktuell. Das mindert jedoch nicht die Leidenschaft, mit der sich ihr Leser ihr in der Kontemplation hingeben kann. Genauso ist z.B. die Betrachtung vergangener Vorstellungen, Rituale oder ausgestorbener Sprachen in den Geisteswissenschaften eine Betrachtung des Nicht-Verwertbaren und Unmodernen, eben des Verstaubten. Die Geisteswissenschaftlerin, der Geisteswissenschaftler kann solche Projekte aber dennoch mit Leidenschaft in Angriff nehmen und ich wünsche mir, dass er oder sie für die Praxis der kontemplativen wissenschaftlichen Reflexion intrainstitutionellen und gesellschaftlichen Respekt erwarten kann. Kontemplation dessen, wozu man eine Neigung fühlt und berufen ist, führt, so wollen wir zumindest hoffen, nicht nur zum Wissenszuwachs, sondern wenigstens am Ende der dazu bemessenen Lebensjahre auch zur Weisheit. Wissen kann ich mir leicht oder weniger leicht ‚beschaffen‘, ich kann es bestenfalls rasch nachschlagen – oder googlen. Der Weisheit begegne in den Worten und im Handeln eines Individuums. Weisheit findet sich in einem Menschen, der viel nachgedacht und über vieles nachgedacht hat, auch über Fragen, Probleme, Textstellen oder Objekte, mit denen man nicht fertig werden kann; in einem Menschen, der lange, ruhig, langsam und bedächtig nachgedacht hat; in einem Menschen, der sich – phasenweise auch ganz allein – für Phänomene die Zeit genommen, der über Artefakte gestaunt hat, die andere links liegen lassen, über Abwegiges und Abgelegenes, von dem andere nichts wissen wollen. Der Mensch, der nach Weisheit strebt oder auf dem Weg zur Weisheit ist, ist weder zum Entrümpler noch zum Fließbandarbeiter, weder zum Unternehmensberater noch zum Aufsichtsratsmitglied berufen. Wo man ihm diese Berufe als Rollenvorbilder aufdrängt, wo man sein Handeln an deren Bilanzen misst, muss er a prioriunterlegen erscheinen. Seine kontemplativen Erfahrungen und die darauf gründenden Worte und Handlungen verlangen einen Respekt sui generis. Sie verlangen Achtung, nicht weil sie Ressourcen freisetzen, Realwerte produzieren oder die Effizienz eines Prozesses steigern, ja nicht einmal, weil sie die heute viel geforderte Nachhaltigkeit von Produktionsketten erhöhen, sondern einfach nur deshalb, weil sie zu denken geben. Sie machen Lust darauf, ebenfalls weise zu werden, Lust auf die leidenschaftliche und genaue Kontemplation jener Gegenstände, zu deren Betrachtung man selbst berufen ist – mögen sie noch so verstaubt oder unzugänglich erscheinen.

Für ein kontemplatives geisteswissenschaftliches Arbeiten müssten wir also mindestens fünf verschiedene Arten von Mut aufbringen: 

  • den Mut zum persönlich-einsamen Hören auf unseren Gegenstand und zum sorgfältigen Nachsinnen über ihn, bevor wir Ergebnisse produzieren und uns vernetzen,
  • den Mut, uns dafür Zeit zu nehmen,
  • den Mut, uns von einem Gegenstand in einen Dialog berufen und leidenschaftlich fordern zu lassen und anderen, unabhängig von ihrem Status, ihre Berufungen zuzugestehen,
  • den Mut, eine unabschließbare Aufgabe zu beginnen und daran festzuhalten, und 
  • den Mut, weise werden zu wollen und Respekt für den Wert des Strebens nach Weisheit einzufordern.

Misia Sophia Doms ist Hochschulprofessorin an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich.

Adresse: Prof. Dr. Misia Sophia Doms, Mühlgasse 67, A-2500 Baden b. Wien, 

misia.doms@ph-noe.ac.at

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